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Feb 23, 2010

So entkam Osama bin Laden von Peter Bergen in Cicero

von Peter Bergen

Niemand weiß genau, wo sich heute Osama bin Laden aufhält. Inzwischen herrscht allerdings Gewissheit, dass die Amerikaner den Al-Qaida-Chef bereits im Winter 2001 hätten fassen können. Eine Rekonstruktion der bizarren Ereignisse von Tora Bora

Es ist nur schwer festzustellen, wo genau sich Osama bin Laden vor und nach dem 11. September aufhielt. Fest steht, dass er kurz vor den Anschlägen auf das World Trade Center in New York in Kandahar aufgetaucht ist und seine Anhänger drängte, sich vor amerikanischen Vergeltungsschlägen in Sicherheit zu bringen. Am 8. November war er in Kabul, obwohl die US-Streitkräfte und ihre afghanischen Verbündeten bereits auf die Stadt vorrückten. An diesem Morgen gab er dem pakistanischen Journalisten Hamid Mir ein Interview, in dem er die Anschläge verteidigte: „Amerika und seine Verbündeten begehen in Palästina, Tschetschenien, in Kaschmir und im Irak Massaker an uns. Die Muslime haben ein Recht, Vergeltung an Amerika zu üben.“ Mir erzählte mir, der Al-Qaida-Führer sei an jenem Tag in außergewöhnlich guter Stimmung gewesen.

Am 12. November fiel Kabul; mit einigen anderen Führern der Al Qaida floh bin Laden nach Dschalalabad im Osten Afghanistans – dicht gefolgt von Gary Berntsen, einem hünenhaften CIA-Agenten, der am Tag der Eroberung Kabuls dort eingetroffen war, um die schnellen Bodenoperationen der CIA zu leiten. Zwei Tage später erfuhr Berntsen aus einer Reihe von Berichten der Nordallianz, dass bin Laden damit beschäftigt sei, in Dschalalabad eine wachsende Zahl von Kämpfern zu motivieren. Berntsen schickte ein achtköpfiges CIA-Team in die Stadt. Um seinen Männern die Unterstützung von Ortskundigen zu verschaffen, nahm er Kontakt mit Hazarat Ali auf – einem ungehobelten und kaum des Lesens mächtigen Taliban-Gegner, der Berntsen drei junge Kämpfer als Eskorte schickte.

Nur wenig später hätten bin Laden und dessen engster Vertrauter, der ägyptische Chirurg Ayman al-Zawahiri Dschalalabad verlassen, sagte Abdullah Tabarak, angeblich einer der Leibwächter bin Ladens, bei seiner Vernehmung in amerikanischer Gefangenschaft, und seien knapp 50 Kilometer weiter nach Süden in Richtung Tora Bora gezogen, einem Höhlenkomplex im Hochgebirge an der Grenze zu Pakistan. Berntsens Team blieb ihnen auf den Fersen.

Es war kein Zufall, dass sich bin Laden ausgerechnet in dieses Gebiet zurückzog. Er kannte die Gegend gut. 1987 hatte er mit Maschinen aus dem Bauunternehmen seiner Familie eine Straße durch die Berge verlegen lassen, damit seine arabischen Kämpfer rascher von seinem Basislager bei Jaji nahe der pakistanischen Grenze nach Dschalalabad gelangen konnten, das damals von den Sowjets besetzt war.

Im gleichen Jahr verwickelte bin Laden mit einer Truppe von nur fünfzig arabischen Kämpfern eine Übermacht sowjetischer Soldaten in ein Gefecht bei Jaji. Es gelang bin Laden, die Sowjets etwa eine Woche lang aufzuhalten. Obwohl er sich schließlich zurückziehen musste, verschaffte ihm dieses Gefecht beträchtliche Aufmerksamkeit in der arabischen Welt. Zum ersten Mal hatte er sich nicht nur als Finanzier des Dschihad hervorgetan, sondern auch als erfolgreicher Militärführer.

Schon Jahre vor dem 11. September unterhielt bin Laden in der Siedlung Milawa nahe Tora Bora einen Rückzugsort, der von Dschalalabad aus nur in einer dreistündigen Fahrt über schmale Gebirgswege zu erreichen ist. Die Häuser der Siedlung waren über Höhenrücken verstreut, die im Winter weit oberhalb der Schneegrenze lagen.

Diese Gegend hatte er für die entscheidende Konfrontation mit den Vereinigten Staaten gewählt, die überdies über einen weiteren Vorteil verfügte, so Fouad al Rabia, ein Luftfahrtingenieur aus Kuwait, der die Al-Qaida-Kämpfer auf ihrem Rückzug von Dschalalabad nach Tora Bora begleitet hatte. „Dort verläuft die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan. Es war der einzige Weg, da rauszukommen.“

Dass sich bin Laden dort tatsächlich aufhielt, bestätigten mindestens fünf Guantanamo-Häftlinge. Auch der saudische Sprengstoffexperte Khalid al Hubayshi befand sich in den Befestigungsanlagen von Tora Bora, als bin Laden sich auf den Showdown mit den Vereinigten Staaten vorbereitete. „Fünf Wochen lang haben wir auf unseren Posten gesessen und auf die Ankunft der Amerikaner gewartet“, erinnert er sich. Während dieser Zeit blieb CIA-Agent Gary Berntsen mit seinem Team dem Al-Qaida-Führer auf den Fersen.

Ende November beschloss das Team, sich in zwei Vierergruppen zu teilen; eine davon sollte mit afghanischen Begleitern weiter in die Berge vorstoßen. Zum Team gehörte auch ein Gefechtsbeobachter der Air Force, der darauf spezialisiert war, Luftschläge zu ihrem Ziel zu lenken. Auch ein Lasergerät schleppten sie in die Berge, mit dem man Ziele für die angreifenden Bomber mit einem Signal markieren konnte. Der Vorstoß verzögerte sich, als eine Panzerabwehrgranate vom Rücken eines Maultiers rutschte, explodierte und zwei der afghanischen Begleiter tötete. Schließlich erreichte der Trupp eine Anhöhe, von der aus sie einige Hundert Männer bin Ladens sehen konnten. In den folgenden 56 Stunden forderte der Stoßtrupp Luftangriffe durch alle verfügbaren Flugzeuge an.

Berntsen hatte niemanden um Genehmigung zur Eröffnung der Schlacht um Tora Bora gebeten. Etwa 24 Stunden nach Beginn der Luftangriffe setzte sich Berntsens Vorgesetzter Hank Crumpton, Leiter der Anti-Terror-Aktionen der CIA, mit ihm in Verbindung und fragte: „Sie haben den Kampf aufgenommen in Tora Bora?“ Ohne genau zu wissen, wie sein Chef reagieren würde, sagte Berntsen einfach nur „Ja“. Und Crumpton antwortete: „Glückwunsch! Gute Arbeit!“

Die Al-Qaida-Terroristen verfügten über ein Arsenal an Raketen, Panzern, Maschinengewehren und Geschützen; dennoch wurde ihre Lage brenzlig. Tora Bora liegt 4200 Meter über dem Meeresspiegel; die dünne Luft macht das Atmen schwer, und im Dezember fallen die Temperaturen nachts weit unter den Gefrierpunkt. Während der Schlacht in den Bergen schneite es unablässig. Noch war der Ramadan nicht vorüber und viele der ultrareligiösen Al-Qaida-Terroristen werden trotz der Umstände das Fastengebot eingehalten haben.

Die Situation, sagte der jemenitische Arzt Ayman Saeed Abdullah Batarfi später zu Journalisten der Nachrichtenagentur Associated Press, sei unhaltbar geworden. „Ich hatte keine Medikamente mehr und eine Menge Verwundeter. Ich musste eine Hand mit einem Messer amputieren, einen Finger mit einer Schere.“ Er habe bin Laden gesagt, dass niemand überleben werde, wenn sie Tora Bora nicht bald aufgäben. Doch der Al-Qaida-Führer sei vor allem mit seiner eigenen Flucht beschäftigt gewesen. „Er hat sich nicht auf Tora Bora vorbereitet; ehrlich gesagt, kümmerte er sich um niemanden als sich selbst.“

Am 9. Dezember warf ein US-Flugzeug eine der gigantischen BLU82 auf die Stellungen der Al Qaida. Laut Berntsen folgte eine Welle zusätzlicher Luftangriffe: „Wir kamen direkt nach mit den B52. So drei oder vier davon … jede mit 25 five-hundred-pounders (226 Kilo-Bomben), sind also hart eingestiegen dort. Töteten eine Menge Leute. Eine Menge bad guys.“ Am nächsten Tag habe er die „schreckliche Nachricht“ erhalten, dass „der Schützengraben von Scheich Osama zerstört“ worden sei, berichtete Abu Jaafar al-Kuwaiti später auf einer Al-Qaida-Website.

Doch bin Laden war nicht tot. Ein späterer Bericht auf einer anderen Al-Qaida-Website beschrieb, wie er sich hatte retten können. Bin Laden habe von einem Skorpion geträumt, der sich auf einem der Schützengräben niederließ, weshalb er ihn verlassen habe. Einen Tag später sei dieser von einer Bombe zerstört worden.

Scheinbar hatten die Vereinigten Staaten Al Qaida niedergerungen. Doch die Verantwortlichen stritten heftig über die weitere Taktik. Schon Ende November befürchtete Hank Crumpton, der als einer der erfolgreichsten CIA-Offiziere seiner Generation gilt, dass bin Laden versuchen könnte, aus Tora Bora zu fliehen. Dies erklärte er Präsident George W. Bush und dessen Vize Dick Cheney und präsentierte dazu Satellitenbilder, die zeigten, dass die pakistanische Armee ihre Seite der Grenze nicht gesichert hatte. Laut CIA-Direktor George Tenet wollte Bush von Crumpton wissen, ob die Pakistanis genug Soldaten hätten, um die Grenze abzuriegeln. „No, Sir“, lautete die Antwort des CIA-Veteranen, „niemand hat genug Soldaten, um in einer Gegend wie dieser eine Flucht zu verhindern.“ Crumpton war gleichwohl der Meinung, die Vereinigten Staaten sollten es versuchen – das aber hätte mehr Bodentruppen erfordert.

Berntsen, inzwischen zurück in Kabul, dachte ähnlich. Am Abend des 3. Dezember berichtete ein Teamkamerad Berntsen über die Situation in Tora Bora. Er erklärte, dass man wenigstens 800 Ranger bräuchte – Elitesoldaten, die das härteste Training in der US-Army absolviert hatten –, um den harten Kern der Al Qaida auszuschalten. Noch in dieser Nacht schickte Berntsen eine Botschaft an das CIA-Hauptquartier und forderte 800 Ranger für einen Angriff auf den Höhlenkomplex an, in dem bin Laden und seine Truppenführer vermutet wurden. Außerdem sollten alle Zufahrtsstraßen blockiert werden.

Zu diesem Zeitpunkt war es kein Geheimnis, dass sich bin Laden in Tora Bora aufhielt. Die New York Times hatte dies am 25. November berichtet. Vier Tage später antwortete US-Vizepräsident Cheney auf eine Frage der ABC News, ob sich der Al-Qaida-Führer in Tora Bora aufhalte: „Ich denke, er ist wahrscheinlich in der Gegend.“

Die zusätzlichen Truppen, die Crumpton und Berntsen angefordert hatten, waren zu jenem Zeitpunkt verfügbar. Immerhin befanden sich damals rund 2000 US-Soldaten auf dem Kriegsschauplatz Afghanistan oder in dessen Nähe. In der als K2 bekannten Luftwaffenbasis in Usbekistan waren rund 1000 Soldaten der 10th Mountain Division stationiert, eigens ausgebildet für den Kampf in hartem Gelände. Einige Hundert dieser Soldaten waren bereits in die Bagram Air Force Base verlegt worden, etwa 60 Kilometer nördlich von Kabul. Zusätzlich standen ab Ende November, 1200 US-Marines in der Forward Operating Base Rhino bei Kandahar.

Brigadegeneral James Mattis, Kommandeur der Marines in Afghanistan, soll um Genehmigung gebeten haben, seine Männer nach Tora Bora in Marsch zu setzen, doch seine Anfrage wurde abgelehnt. Am Ende gab es in und um Tora Bora mehr Journalisten – etwa hundert, laut Nic Robertson von CNN und Susan Glasser von der Washington Post , die beide vor Ort berichteten – als Soldaten der Westallianz.

Am 7. Dezember musste Berntsen die Führung der Bodenoperationen bei Tora Bora an einen siebenunddreißigjährigen Major der geheimen Elitetruppe Delta Force übergeben, der seine Erinnerungen später unter dem Pseudonym Dalton Fury veröffentlichte. Seinem Kommando unterstanden während der Kämpfe vierzig Delta-Soldaten der hochgeheimen „Black“ Special Forces, 14 Green Berets der weniger geheimen „White“ Special Forces, sechs Agenten der CIA, einige Spezialisten der Air Force, und ein Dutzend britische Kommandos von der Elitetruppe Special Boat Service. Dazu kamen drei wichtige afghanische Kommandeure: Hajji Zaman Gamsharik, der nach dem Sturz der Taliban aus dem französischen Exil zurückgekehrt war; Hajji Zahir, der siebenundzwanzigjährige Sohn eines Warlords aus Dschalalabad; und Hazarat Ali, der Kommandeur, der Berntsen bereits unterstützt hatte. Die afghanischen Kommandeure mochten einander noch weniger als die Al Qaida.

Warum war das Pentagon so unwillig, weitere Soldaten zu entsenden? Auf diese Frage antwortete mir General Franks, er habe den „light footprint“ – den auf lokale Verbündete gestützten Kampf – vorgezogen. Man habe befürchtet, dass für die Heranführung neuer Bodentruppen zu wenig Zeit geblieben wäre. Außerdem habe er nicht sicher sein können, dass sich bin Laden tatsächlich in Tora Bora aufhalte: „Widersprüchliche geheimdienstliche Nachrichten“ hätten ihn in Kaschmir, bei Kandahar und nahe der afghanisch-iranischen Grenze gemeldet.

Generalleutnant Michael DeLong, Franks ranghöchster Stellvertreter widmet sich in seinen 2004 erschienenen Memoiren ebenfalls dieser Frage: Die Berge von Tora Bora liegen tief in den Stammesgebieten, heißt es bei DeLong, „und die Stämme verhielten sich feindlich gegen die Vereinigten Staaten und andere ausländische Mächte. Tatsache ist, dass wir, hätten wir dort Truppen hineingeschickt, unweigerlich in Kämpfe mit afghanischen Dorfbewohnern verwickelt worden wären – also in einer diffizilen Situation böses Blut geschaffen hätten. Das war das Letzte, was wir wollten.“

Ins Spiel kam auch der Irak. Ende November informierte Verteidigungsminister Donald Rumsfeld General Franks, dass der US-Präsident innerhalb einer Woche einen Bericht zu den „Optionen im Irak“ und eine mögliche Invasion verlange. In seiner Autobiografie schreibt Franks, dass sein Stab während des Gefechts um Tora Bora bereits sieben Tage die Woche, mehr als 16 Stunden täglich gearbeitet habe. Selbst wenn Franks dies nicht direkt äußert, so kann man wohl davon ausgehen, dass die Vorbereitung für einen neuen Krieg von dem Krieg abgelenkt haben könnte, der bereits geführt wurde.

Am 10. Dezember fingen amerikanische Abhörspezialisten einen wichtigen Funkspruch aus Tora Bora ab: „Vater (= bin Laden) versucht, durch die Belagerungslinien zu kommen.“ Die Nachricht wurde an die Delta-Kämpfer vor Ort weitergeleitet. Um 16 Uhr desselben Tages meldeten afghanische Soldaten, sie hätten bin Laden im Visier. Am Abend erhielt der Kommandeur der Delta Force weitere Nachrichten über den Verbleib bin Ladens. Die Information war so präzise, dass sie den Aufenthalt des Al-Qaida-Führers auf zehn Meter genau festzulegen schien. Rund 15 Minuten später gab es eine weitere knappe, schon etwas ungenauere Nachricht seiner Dienste. Ihr zufolge hielt sich bin Laden zwei Kilometer vom zunächst genannten Ort entfernt auf. Bis heute kann Dalton Fury nicht sagen, welche der beiden Informationen aktueller war und folglich auch präziser. Doch er fuhr ins Vorgebirge und erreichte einen Punkt, der 1900 Meter von der ersten Ortung entfernt war.

Fury steckte nun in einer verzwickten Lage. Ziemlich sicher waren US-Streitkräfte bin Laden nie so nahe auf den Fersen wie jetzt. Drei seiner Soldaten waren in ein heftiges Feuergefecht mit Al-Qaida-Kämpfern verwickelt. Doch mit Einbruch der Dämmerung zog sich Furys wichtigster Verbündeter Hazarat Ali in seinen Stützpunkt zurück, um das Ramadan-Fasten zu beenden. Fury hatte ausdrücklichen Befehl, nicht die Führung des Gefechts zu übernehmen, er sollte nur zur Unterstützung der afghanischen Kämpfer eingreifen. Die Verbündeten jedoch, die Fury durch die Mondlandschaft des oberen Tora-Bora-Gebiets hätten führen können, waren verschwunden. Fury musste die Aktion für diese Nacht abbrechen.

Muhammad Musa, der bei Tora Bora 600 afghanische Soldaten kommandierte, sagte später: „Ich glaube, dass Al Qaida keine Chance gehabt hätte, nach Pakistan auszubrechen, wenn sie (die Amerikaner) ihnen den Weg dorthin verstellt hätten. Die Amerikaner waren meine Gäste, aber vom Kämpfen verstanden sie nicht viel.“

Tatsächlich haben sich die etwa fünf Dutzend Amerikaner in den Bodengefechten um Tora Bora gut geschlagen. Doch sie waren einfach zu wenige, um die riesige Gebirgslandschaft abzuriegeln und Al-Qaida-Kämpfer an der Flucht nach Pakistan zu hindern.

Am 12. und 13. Dezember überschlugen sich die Ereignisse. Am 12. präsentierte Franks Verteidigungsminister Rumsfeld die überarbeiteten Pläne zur Invasion des Irak. Am 13. griffen militante Pakistaner das indische Parlament an und beschworen damit die Gefahr eines Kriegs zwischen den beiden Atommächten herauf. Indien verlegte einige Hunderttausend Soldaten an die Grenze zu Pakistan. Und Pakistan, erklärte mir der pakistanische Innenminister Moinuddin Haider, „musste reagieren. Unsere gesamten Truppen mussten diese Situation abwehren, und auch wir marschierten zur Grenze.“ Mit einem Schlag wurde Pakis­tans Aufmerksamkeit von seiner Nordwestgrenze und dem Auftrag abgelenkt, Al Qaida den Fluchtweg abzuschneiden.

Der 12. und 13. Dezember waren auch entscheidend für die Schlacht um Tora Bora. Hajji Zaman, einer der mit den Vereinigten Staaten verbündeten Warlords, hatte mit Mitgliedern der Al Qaida Verhandlungen über eine Kapitulationsvereinbarung aufgenommen. Dazu sagte mir ein afghanischer Frontkommandeur: „Sie sprachen über Funk mit Hajji Zaman, erklärten ihm, sie seien bereit, um vier Uhr nachmittags die Waffen niederzulegen. Darüber unterrichtete Kommandeur Zaman die anderen Truppenführer und auch die Amerikaner. Die Al-Qaida-Kämpfer verlangten eine Frist bis acht Uhr am nächsten Morgen. Dem, so Zaman, „stimmten wir zu“.

Die Nachricht vom Waffenstillstand passte der Gruppe der zwanzig Delta-Kämpfer überhaupt nicht. Sie waren am 12. Dezember weiter nach Tora Bora vorgedrungen und befanden sich nun ganz in der Nähe von bin Ladens Haus. Etwa zwei Stunden lang, so Furys Erinnerungen, haben sich die US-Truppen vor Ort am 12. Dezember an die Waffenruhe gehalten, um dann, gegen 17 Uhr, die Bombardierung wieder aufzunehmen. Die von Zaman gewährte Frist bis zum Morgen des 13. Dezember verstrich – kein einziger Kämpfer der Al Qaida in Tora Bora ergab sich.

Am Nachmittag fingen amerikanische Funker eine Botschaft bin Ladens an seine Gefolgsleute ab. Bin Laden sagte: „Die Zeit ist gekommen. Bewaffnet eure Frauen und Kinder gegen die Ungläubigen.“ Nach einigen Stunden heftiger Luftangriffe meldete sich der Al-Qaida-Führer erneut. Dieses Mal sagte er laut Furys Mitschrift: „Unsere Gebete wurden nicht erhört. Die Zeiten sind bitter. Wir wurden von den verbündeten Nationen nicht unterstützt, die sich selbst unsere muslimischen Brüder nennen.“ Damit entschuldigte er sich bei seinen Männern dafür, dass er sie in den Kampf geschickt hatte, und gab ihnen die Erlaubnis, sich zu ergeben.

Am 14. Dezember fingen amerikanische Abhörspezialisten eine weitere Botschaft bin Ladens ab. Der Dolmetscher, der die Ansprache für die Delta-Leute übersetzte, sagte jedoch, sie habe nicht „live“ geklungen, sondern wie eine vorab aufgenommene Predigt. Offensichtlich hatte bin Laden die „Kapitulation“ als Vorwand benutzt, um sich abzusetzen.

Am 17. Dezember endete die Schlacht um Tora Bora. Nach Furys Schätzung gab es 220 tote Militante. 52 Kämpfer, die meisten davon Araber, aber auch ein Dutzend Afghanen sowie einige Tschetschenen und Pakistanis, seien in Gefangenschaft geraten.

Während des US-Wahlkampfes 2004 gerieten die Kämpfe in Tora Bora noch einmal ins Blickfeld der amerikanischen Politik. Herausforderer John Kerry attackierte Präsident Bush, weil es diesem nicht gelungen sei, bin Laden bei Tora Bora gefangen zu nehmen. In einem Kommentar in der New York Times schrieb der inzwischen aus dem Militärdienst ausgeschiedene Franks: „Wir wissen bis zum heutigen Tage nicht, ob Mr. bin Laden in Tora Bora war.“ Vizepräsident Cheney nannte Kerrys Kritik „absoluten Blödsinn“ und George W. Bush erklärte, Kerrys Bemerkungen folgten dem Muster: „Einfach alles sagen, nur um gewählt zu werden.“

Kerry ist bis heute empört über Tora Bora. „Sie haben Osama bin Laden zum weltweiten Verbrecher Nummer eins erklärt, haben vollmundig Steckbriefe ausgestellt und nicht aufgehört über die Gefährlichkeit von Al Qaida zu schwadronieren. Doch als sie eine Gelegenheit hatten, ihr nicht nur endgültig den Kopf abzuschlagen, sondern sie bedeutungslos zu machen, da hat man nichts von ihnen gehört oder gesehen“, sagte er mir vor kurzem. Kerrys Zorn ist berechtigt. Bin Laden war ganz eindeutig in Tora Bora, und es war ein großer Fehler, nur so wenige Soldaten dorthin zu schicken. Darin steckt eine Lektion, die man sich merken sollte, gerade heute, wenn die Vereinigten Staaten weiterhin islamistische Militante sowohl in Afghanistan wie in Pakistan verfolgen: Bei der Jagd auf Mitglieder der Taliban und von Al Qaida gibt es keine Alternative: Man muss sie direkt am Boden angreifen. Afghanische Verbündete, pakistanische Soldaten, Drohnen sind keine unwichtigen Mittel im Krieg gegen den Terror. Aber eben kein wirkungsvoller Ersatz für amerikanische Kampftruppen.

Und was bin Laden angeht: Seine Flucht aus Tora Bora im Jahr 2001 hat dazu beigetragen, seinen Mythos zu festigen. Selbst wenn er heute Al Qaida nicht mehr so direkt führt, wie er es damals getan hat, so bestehen kaum Zweifel, dass er noch immer die generelle Richtung vorgibt. Und dass er an der Verjüngung der Organisation nach 2001 entscheidend Anteil hatte. 2005 allerdings wurde „Alec Station“, die CIA-Einheit, die zehn Jahre lang mit der Jagd auf bin Laden und andere Al-Qaida-Führer beauftragt war, aufgelöst. Einige der am besten informierten Beobachter vermuten ihn irgendwo in Pakistan oder in der Nähe der nordwestlichen Grenzprovinz zu Afghanistan, vielleicht in Bajaur oder Chitral. „Tatsächlich aber“, sagt ein lang gedienter Analyst des amerikanischen Geheimdienstes, „wurde nur sehr wenig Material über ihn gesammelt.“ Die nackte Wahrheit lautet: Wir wissen nicht, wo er ist.

Übersetzung: Klaus Binder

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